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TUNESISCHE KREATIVWERKSTATT

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Dienstag November 13, 2018

Das Wort des Verlegers
25
Aug 2013
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Geschrieben von: W19

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Franz Kafka, Brief an Oskar Pollak, 1904

 

Mit der Veröffentlichung seines ersten Buches auf Arabisch schreibt der Verlag workshop19 das zweite Kapitel seiner jungen Geschichte. Nach monatelangen Forschungen, Lektüren und Austausch haben wir uns vorerst für die Veröffentlichung einer Novellensammlung von Farouk Ferchichi entschieden, einem jungen Ingenieur und Blogger, der vorwiegend das literarische Arabisch benutzt, unter Einführung der tunesischen Volkssprache in die Dialoge seiner Figuren.

Diese Sammlung, „Jenseits der Linie“ könnte den Anfang einer neuen Ära der tunesischen Literatur in arabischer Sprache, die der „Post-Diktaturzeit“ - noch lange nicht die Zeit der Demokratie - markieren. In einer gärenden Gesellschaft auf der Suche nach ihrem Weg hat die gedruckte Literatur eine Rolle zu spielen.

 

Zuerst als Spiegel, indem sie der Gesellschaft ein Bild von sich selbst zurückwirft, die die LeserInnen auffordert, sich Fragen zu stellen und jene zum Nachdenken verleitet, indem sie überrascht, verwundert, schockiert dastehen.

 

Dann als „tour operator“, indem das Buch die LeserInnen auf eine Reise mitnimmt mit unerwarteten, unvorgesehenen Etappen, auf welchen er sich selber entdeckt, anhand eines Vorkommnisses, einer Schilderung, eines Zwischenfalls, einer Figur - kurz, eines der Phantasie des Autors entsprungenen Details.

 

Drittens als Vervielfacher von Lebensgeschichten. Beim Lesen der Abenteuer erdichteter Menschen kann ich mich mit jenen identifizieren, mich an ihren Platz setzen, mir ihr Schicksal träumen, kurz, die Wahl eines neuen Lebenswegs in Betracht ziehen.

 

Zum Schluss als Katalysator. Jeder Schreibende ist zuerst ein Lesender. Vor allem wenn man liest, bekommt man selber Lust zu schreiben. Also hoffen wir, dass sich unter den LeserInnen, die von den Geschichten von Farouk Ferchichi „gebissen und gestochen“ werden sollen, neue Autoren und Autorinnen finden werden. Ihnen stehen wir zur Verfügung.

FG/RBF, 16/8/2013

Mots-clé:Farouk Ferchichi  Littérature arabe  Tunisie  

 
30
Okt 2012
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Geschrieben von: W19

Fausto Giudice, Tunis, den 21. Oktober 2012- Jetzt gibt es  workshop19! Es hat ein ganzes Jahr gebraucht, bis dieses Projekt zur Wirklichkeit wird und unser erstes Buch erscheint. Das hat uns viel Mühe gekostet, aber wir haben es geschafft. Um es auf Napoleonsche Weise zu formulieren : " المستحيل موش كلمة تونسية " [al mosta7il mouch kilma tounssiya] (“'unmöglich' ist kein tunesisches Wort“).

Am 5. Januar - damals lebte ich immer noch in Frankreich - begriff ich, dass Ben Alis Herrschaft nur noch kurze Zeit anhalten würde, als ich gleich nach dem Tod von Mohamed Bouazizi, -  gerade am Tag , wo auf Schulen und Universitäten das neue Jahr anfing - Schüler und Studenten landesweit zu streiken begannen. Ich hab mich also darauf  vorbereitet, in das Land zurückzukehren, wo ich groß gewachsen bin und das ich in den 23 Jahren der Diktatur nicht mehr betreten durfte.

 

Als ich nach Tunis kam, entdeckte ich allmählich  eine stark brodelnde Gesellschaft, die aber von schweren Seuchen heimgesucht wird. Von diesen Krankheiten erschien mir das Unwissen als die schlimmste. Dieses Unwissen war von der Regierungsmacht jahrelang gehegt und gepflegt worden.

Das Buch ist ein Heilmittel gegen das Unwissen. Der große spanische Dichter Federico García Lorca hat das besser ausgedrückt, als ich es je tun könnte. Hier unten seine Worte bei der Eröffnung der öffentlichen Bibliothek seiner Heimatstadt Fuente de Vaqueros (Granada) im September 1931:

 

Ein halbes Brot und ein Buch

 

„Wenn jemand ins Theater, ins Konzert oder auf irgendein Fest geht und dabei viel Spaß hat, denkt er sofort an seine Lieben, die er gerne bei sich haben möchte, und sagt sich betrübt: „Meiner Schwester (meinem Vater) hätte das so gut gefallen!“ und wird das Schauspiel nur mehr mit leichter Wehmut genießen. Diese Wehmut empfinde ich, nicht, weil ich an meine Familienmitglieder denke - das wäre recht engherzig - sondern an alle Menschen, die wegen fehlender Mittel und aufgrund des eigenen Missgeschicks diese höchste Gut nicht genießen können: die Schönheit, denn Schönheit ist Leben, ist Aufgeschlossenheit, Heiterkeit und Begeisterung.

Deswegen besitze ich keine Bücher. Kaum hab ich eines gekauft - schon gebe ich es weiter weg. Ich hab unzählige Bücher verschenkt. Und deswegen fühle ich mich geehrt, hier zu sein, glücklich, der Eröffnung dieser Volksbibliothek beizuwohnen, in der ganzen Provinz Granada wohl der ersten.

Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Wäre ich selber hungrig und befände mich mittellos auf der Straße, so würde ich nicht um ein Brot, sonder um ein halbes Brot und ein Buch bitten. Und von hier aus wende ich mich heftig gegen jene, die nur wirtschaftliche Forderungen erheben und keine kulturellen; denn nach jenen verlangen die Völker mit lautem Geschrei. Es ist gut, dass alle Menschen genug zu essen haben, aber dazu noch müssen sie Zugang zum Wissen haben, alle Früchte des menschlichen Geistes müssen sie genießen dürfen, denn im entgegen gesetzten Falle würden sie in Maschinen im Dienste des Staates verwandelt, in Sklaven einer entsetzlichen sozialen Organisation.

Ich empfinde ein viel tieferes Mitgefühl mit  einem Menschen, der Zugang zum Wissen sucht und nicht finden kann, als mit einem Hungrigen. Denn ein Hungriger kann seinen Hunger leicht stillen, dazu genügt ein Stück Brot oder Obst. Aber ein Mensch, der nach Wissen durstet und über die Mittel dazu nicht verfügt liegt in einem furchtbaren Todeskampf, weil er Bücher, Bücher, viele  Bücher braucht, und wo bleiben jene Bücher?

Bücher! Bücher! Ein Zauberwort, das soviel bedeutet wie „Liebe! Liebe!“- und das müssten alle Völker verlangen,  genau so wie sie Brot fordern oder sich Regen für ihre gesäten Äcker wünschen.
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Als der weltberühmte Schriftsteller Fjodor Dostojevskij - vielmehr als Lenin der Vater der russischen Revolution- in Sibirien in Haft saß, von der übrigen Welt abgeschnitten in vier Wänden eingesperrt, mitten in verschneiten Ebenen, rief er seine fern wohnende Familie um Hilfe in Briefen, wo nur stand:„Schickt mir bitte Bücher, Bücher, viele Bücher, dass meine Seele nicht abstirbt!“ Kalt war ihm und er verlangte nicht nach Feuer, Durst hatte er und verlangte nicht nach Wasser, er bat um Bücher, das heißt um neue Horizonte, Stufen, die zu den höchsten Gipfeln des Geistes und des Herzens hinauf führen. Denn der Todeskampf des Körpers - der biologische, natürliche, durch Hunger, Durst oder Kälte hervorgerufene, dauert kurze, sehr kurze Zeit, der Todeskampf der ungesättigten Seele aber ein ganzes Leben lang.

Der  große Menéndez Pidal - einer der größten echten europäischen Weisen -hat es schon ausgesprochen: „Die Devise der Republik soll Bildung heißen“. Bildung, weil nur über sie die Probleme gelöst werden können, mit welchen das glaubenserfüllte, aber unaufgeklärte Volk derzeit konfrontiert wird.

 


 

 

 

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