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04
Mai 2014
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Fahmy Howeidy فهمي هويدي
Übersetzt von  Michèle Mialane
Herausgegeben von  Fausto Giudice

 

In Ägypten wurden nach dem Sturz des Präsidenten Morsi am 3. Juli 2013 ungefähr 20 000 Menschen verhaftet. Die meisten von ihnen sind nicht einmal angeklagt worden. Am Donnerstag den 24. April haben ungefähr 16 000 von ihnen einen 24-stündigen Hungerstreik durchgeführt, um sich in die Erinnerung der Ägypter zu rufen. Dazu ein Text des berühmten und alterprobten ägyptischen Kolumnisten Fahmy Howeidy ( hier unten).

 

In meiner Mailbox hab ich ein von ägyptischen Häftlingen unterzeichnetes Kommuniqué erhalten. Er brachte einige höchst interessante Nachrichten die ich Euch unverändert mitteile, da ich sie mit keiner anderen Quelle konfrontieren konnte.

Die sozialen Netzwerke und die NGO haben sich schon sehr bemüht, die Zahl der Häftlinge zu dokumentieren und die Toten aufzulisten. Dieses Kommuniqué enthält aber Elemente, die für mich neu sind, denn darin wird auf die jeweiligen sozialen Kategorien der Häftlinge im Detail eingegangen.
Zum ersten Mal verfügt man über eine Klassifizierung der vom 3. Juli 2013 bis zum 31. Januar Verhafteten, schätzungsweise über 20 000 Personen.
Hier einige im Kommuniqué vorhandene Details: Unter den Häftlingen befinden sich 1232 Ärzte, 2574 Architekten, 124 Universitätsprofessoren und Forscher, 1463 Diplomierte und 3879 Studierendender Islamischen Universität El-Azhar, 704 Frauen und 689 Kinder. 21 Gefangene sind zu Tode gefoltert worden, 618 sind schwer krank, und 53 Kinder haben Mumps. Die übrigen Häftlinge arbeiten im Privatsektor oder sind Staatsbeamte.
Die Unterzeichnenden erklären, dass sie einen Generalstreik antreten wollen gegen ihre Inhaftierung und gegen die Misshandlungen und vielförmige Folter, die sie derzeit im Gefängnis erfahren. Zuletzt wird das Kommuniqué von Häftlingen unterzeichnet, die respektiv in den 11 folgenden Gefängnissen leben: Borg al-Arab und Hadra (Alexandria), Damanhur, Abu Saabal, Wadi el- Natrun, Tora (Kairo),  Dschimsa, El Akrab, Fayoum, Assiout, Wadi-al-Jadid.
Ich hab derzeit keine Möglichkeit, diese Nachrichten weder auf ihre Gültigkeit noch auf die Umstände nachzuprüfen, unter welchen sie verbreitet wurden. Und dies umso weniger, als die meisten Gefangenen während und nach der Unterdrückung der Sitzaktionen im August vorigen Jahres inhaftiert wurden. Ich dachte, dass sie an unabhängige - möglichst neutrale und rechtschaffene -Menschenrechtsorganisationen weitergeleitet werden sollen. Da man keine Auskünfte über Ursprung und Umstände der Veröffentlichung jener Erklärung besitzt, ist man auf Schlussfolgerungenangewiesen.

 

Die Lage dieser Häftlinge ist aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit total geschwunden. Medien, Aktivisten und einige PolitikerInnen haben sich nämlich auf die Menschen fokussiert, die laut Gesetz über Demonstrationsverbot* verhaftet wurden, insbesondere anlässlich des dritten Jahrestages der Revolution vom 25. Januar, aber von denen, die schon zuvor inhaftiert wurden, sagt keiner ein Wort. Und wenn schon, dann nur ab und zu, oder als ein Zwischenfall großes Aufsehen erregt, wie z.B. der Todesurteil über 528 Menschen, die beschuldigt werden, Polizisten getötet zu haben. Dieses Ereignis hat als Einziges Wellen geschlagen. Und nun ist es üblich geworden, dass die Medien nur die bekannten Aktivisten erwähnen und nie die Tausende Unbenannter, die im Gefängnis dahinsiechen, und es ist selbstverständlich, dass jene sich über erlittenes Unrecht beklagen.
Die Märtyrerfamilien sind noch viel schlimmer dran als die Häftlinge. Sie dürften (seit Morsis Umsturz) an die 3000 sein. Das Leben jener Familien wurde zerstört, sie sind mittellos, deren Mitglieder wurden oft auseinander getrieben, oft müssen sie ihre Wohnung räumen, weil sie für die Miete nicht mehr aufkommen können. Die Kinder gehen nicht mehr in die Schule. Die Verletzten - sie werden zumindest auf 16 000 geschätzt - befinden sich in einer üblen Lage, denn die meisten können sich keine ärztliche Behandlung im Privatsektor leisten; wenn sie in öffentliche Krankenhäuser gehen, laufen sie Gefahr, auf Grund der Auskünfte verhaftet zu werden, die das Spital an die Polizei überreicht.
Seinerzeit hatte der Übergangspräsident Adli Mansur dazu aufgerufen, das Problem der Häftlinge zu lösen und jene freizulassen, die nichtbestimmter Gewaltakte beschuldigt worden waren. Als die Medien diese Nachricht im Januar veröffentlicht haben, haben die Häftlinge selbstverständlich erwartet, früh oder spät freigelassen zu werden - zumindest ein Teil von ihnen. Dieser Erklärung wurde aber keine Folge geleistet. In den drei Monaten nach dem Aufruf des Präsidenten wurde keiner freigelassen. Daher ist es verständlich, dass die Häftlinge allmählich Alarm schlagen und sich lautstark melden, um aus der Vergessenheit geholt zu werden, in welche sie geraten sind.
Es wird allgemein angenommen, dass das politische Leben in Ägypten bis nach der Präsidentschaftswahl im nächsten Juni und den darauf folgenden Parlamentswahlen still stehen wird. Bis Neujahr wird also das politische Leben eine Flaute durchmachen. Für die Häftlinge bedeutet das, dass sie weiter in Haft bleiben werden. Dieser Umstand erklärt, dass die Gefangenen die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versuchen, bevor das Land in den Wahlwirbel gerät.
Was sie auch für Menschen sind, versuchen die Urheber dieses Aufrufes, die hinter Gittern stehen, an die freien Geister und an alle zu appellieren, die auf Menschenrechte pochen. Jene, die weder angeklagt noch verurteilt wurden wegen bewaffneter Gewalt, müssen doch frei gelassen werden. Eine solche Forderung ist ja selbstverständlich.
 
*Das allgemeine Demonstrationsverbot für Versammlungen von mehr als 10 Menschen wurde per Erlass des Regierungschefs am 30. November 2013 verhängt [AdÜ]

 

   

Autonome Feministinnen demonstrieren vor der ägyptischen Botschaft in Paris am 30. April
gegen die Todesurteile für Muslim-Brüder
Auf Aminas Brust (links) auf Arabisch: "Keine Todesurteile, nicht mal für Muslim-Brüder"; auf Englisch: "Wirkliche Gerechtigkeit für unsere Feinde"; auf Französische: "Wir verurteilen die Todesstrafe"


Mots-clé:Ägypten  politischen Gefangenen  Repression  Generalstreik von Gefangenen  Muslim-Brüder  

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